Soll ich dem Troll auf Twitter antworten? Ein Guide

Sexismus, Homophobie, Rassismus sind auch leider 2015 noch immer nicht ausgestorben. Teilweise watet man auf Twitter, Facebook und in Foren durch solche Kommentare wie durch eine übergelaufene Senkgrube. Aber soll man antworten? Der Versuch eines Leitfadens.

troll3

 

Warum echte Nicht-Promi-Trolle ignorieren? Ein Troll lebt von Aufmerksamkeit, lässt man sie ihm zukommen, trollt er noch weiter. Nichts ist schlimmer für eine Person, die dringend um Aufmerksamkeit heischt, als sie ihr nicht zu gewähren.

Warum in der Öffentlichkeit bekannte Personen sowie jene mit Vorbildfunktion nicht ignorieren, sondern zur Rede stellen? Natürlich gibt es auch unter Politikern etc. echte Trolle, diese haben sich für ihr Verhalten in der Öffentlichkeit meiner Meinung aber sehr wohl zu rechtfertigen. Werden sie ignoriert, wird ihr Handeln gebilligt. In dem Fall ist Schweigen meiner Meinung nach der falsche Ansatz. Man kann argumentieren, dass sie so noch mehr Aufmerksamkeit bekommen, aber speziell Nationalratsabgeordnete oder populäre Musiker haben finde ich eine Verantwortung für ihr Handeln und müssen sich für solche Entgleisungen erklären.

Alle anderen Personen, die etwas Sexistisches, Homophobes oder Rassistisches von sich geben, sonst aber nicht durch Getrolle auffallen, sollte man meiner Meinung nach ebenfalls fragen, was das soll. Es kann durchaus sein, dass es sich um Gedankenlosigkeit gehandelt hat. Klärt man Leute nicht auf, was einen an ihren Aussagen stört, kann es schon sein, dass sie gar nicht wissen, dass sie jemanden beleidigt haben. Kommt vermutlich selten vor, aber eine Chance haben sie zumindest verdient. Danach kann man sie immer noch ignorieren.

Advertisements

Maul aufreißen!

Die haarsträubende Unterbringung vieler Flüchtlinge in Österreich hat in den vergangenen Wochen dazu geführt, dass viele Organisationen, Medien, Vereine und auch Privatleute Spendenaktionen gestartet haben. Kleidung, Hygieneprodukte, Spielzeug für Kinder, Schlafsäcke, ein bisschen Ablenkung und Abkühlung. Überschattet wurden und werden die Aktionen teilweise von Personen, die es denen aus Kriegsgebieten geflüchteten Menschen zu neidig sind, dass sie ein paar alte Kleidungsstücke und ein bisschen Wasser bekommen. In diversen Foren und auf Facebook wir gegeifert, dass man selbst auch nichts geschenkt bekäme, dass doch die Österreicher zuerst kommen sollten oder wie unfair es nicht sei, dass man aufgrund des Wassermangels sein Auto nicht waschen dürfe, aber die geflüchteten Kinder im Wasser pritscheln dürften. (Weil letzteres „Argument“ so unglaublich ist – hier der Beweis)

Dummheit, Hass und Arroganz sind laut und man findet sie überall. Wenn man Flüchtlingen etwas schenkt. Wenn Frauen klarstellen, dass „Pograpschen“ kein Bubenstreich ist, sondern ein sexueller Übergriff. Wenn homosexuelle Paare gleiche Rechte wie heterosexuelle Paare fordern. Darum ist es an der Zeit, dass die Gegenstimmen auch lauter werden. Der Hass in Foren und Postings wirkt nur deshalb so überbordend, weil sich Andersdenkende oft eingeschüchtert fühlen, nicht Ziel verbaler Attacken werden wollen oder einfach resigniert denken, dass es ohnehin nichts bringt. Ein Teufelskreis genannt Schweigespirale.

Also reißt euer Maul auf und tippt gegen die Dummheit an! Und zeigt allen Rassisten, Frauenhassern, Homophoben und andere Idioten, dass sie nicht die Mehrheit sind.

Wahlkampf 2013: Best of WTF?!

Ein paar Tage müssen wir noch aushalten. Aber dieser Wahlkampf hatte bisher schon so viele Skurrilitäten zu bieten, dass ich an dieser Stelle schon jetzt ein paar meiner persönlichen Highlights präsentieren will.

(In keiner bestimmten Reihenfolge)

Spindelegger über Harry Prünster: „Wenn wir solche Journalisten immer im ORF hätten“ (derStandard.at-Bericht)

ÖVP demonstriert gegen Peter Pilz und bestellt sich eine Pizza (derStandard.at-Bericht und die Schwammerl-OTS der ÖVP)

Schwarzenegger besucht Faymann (YouTube-Video)

Faymann geht segeln (derStandard.at-Blog)

Stronach will Todesstrafe für Berufskiller (derStandard.at-Bericht)

Franks Charity-Event mit Pop-Titanen Bohlen“ (OTS-Einladung)

Stronach und Strache im „Nackt-Duell“ (derStandard.at-Kolumne)

Hary Raithofer (Team Stronach): „.. man muss sicher auch Rücksicht auf die Menschen nehmen, die nicht die Fähigkeit haben, 200 km/h zu fahren.“ (Österreich-Interview)

ARBÖ-Schelte für nicht angeschnallten Stronach bei ORF-Wahlfahrt (ARBÖ-OTS)

FPÖ-Wahlkampfsong „Liebe ist der Weg“ (FPÖ-OTS)

FPÖ: „Mahü-FUZO gefährdet Existenz von 20 Trafikanten“ (FPÖ-OTS)

Grüne Jungwähler-Werbung mit Vagina und „Bravo“-Heft (derStandard.at-Blog)

Und weil es so schön ist, auch noch Schräges abseits von Wahlkampf-Themen:

Faymann: „Österreichs Fußball-Nationalteam hat seine Chancen gewahrt (SPÖ-OTS)

Parlamentarische Anfrage der FPÖ zu Chemtrails (Parlament.gv)

(PS: die Erwähnung oder Nicht-Erwähnung der Parteien geben keinen Aufschluss über mein Wahlverhalten.)

Ernst Strasser: Der Edward Snowden aus Grieskirchen?

Halten wir fest: im Jänner 2013 ist Ernst Strasser zu vier Jahren unbedingter Haft wegen Bestechlichkeit verurteilt worden (nicht rechtskräftig.) Für den Richter stand fest, dass der ehemalige ÖVP-Innenminister Geld für seine Einflussnahme auf die Gesetzgebung verlangt hat. Strassers Verteidigungslinie: er dachte, die zwei Undercover-Journalisten der „Sunday Times“ seien in Wahrheit Geheimdienstmitarbeiter, die er überführen wollte. Richter Georg Olschak kommentierte: „Es gehört zum Abenteuerlichsten, was mir in meiner 20-jährigen Laufbahn untergekommen ist.“

Nun wurde in den vergangenen Wochen bekannt, dass die USA im großen Stil nicht nur die Internet-Kommunikation von Nicht-US-Bürgern überwacht, sondern auch Wanzen in den EU-Gebäuden versteckt und Vertretungen der EU-Länder auf US-Boden ausspioniert haben soll. (Nachzulesen hier.)

Man kombiniert also: Strasser hat eigentlich nur dasselbe wie Edward Snowden getan, der die geheimen Unterlagen über die Überwachung dem britischen Guardian zugespielt hatte und kurz darauf in die Öffentlichkeit trat. So sieht das jedenfalls Strasser. Auf seiner Facebook-Seite schreibt er:

„Vor mehr als 2 Jahren wurde ich ausgelacht und an den Pranger gestellt, weil ich genau das, was jetzt durch Snowden nach und nach ans Tageslicht kommt, festgemacht habe. Schulz, Swoboda und ein Großteil der Medien, die die damalige Kampange geführt haben, brauchen nur nachzulesen, was ich vor mehr als 2 Jahren zu Protokoll gegeben habe. Natürlich haben da mehrere Dienste zum Nachteil Europas mit System bewußt mitgehört, abgehört und mitgeschnitten.“

Natürlich ist es möglich, dass Strasser tatsächlich zwei Geheimdienstagenten vor sich glaubte. Freilich könnte es sein, dass er die beiden auffliegen lassen wollte. Nur kam dabei nicht mehr heraus, als ein vor Gericht geäusserter Verdacht, der vom Gericht als Schutzbehauptung eingestuft wurde. Er habe die vermeintlichen Agenten anzeigen wollen. Das geschah allerdings nicht. Gegen das Urteil hat Strasser Berufung eingelegt. Eine Entscheidung könnte im Herbst fallen.

Snowden hingegen hat sein bisheriges Leben aufgegeben, um einen Skandal von internationaler Reichweite aufzudecken. Sollte er in die USA zurückkehren, dürfte ihm ein ähnliches Schicksal wie Wikileaks-Whistleblower Bradley Manning blühen, der 2010 verhaftet wurde. Seht ihr Parallelen zu Strasser? Ich auch nicht.

Udo Proksch: Ein politisches Lehrstück für das Jahr 2013

Es ist jetzt schon ein paar Tage her, da zeigte ORFIII Robert Dornhelms Doku „Udo Proksch – Out of Control„. Nun habe ich den Fall Lucona als Kind nur am Rande mitbekommen. Als Proksch 1989 verhaftet wurde war ich gerade mal neun Jahre alt. Später habe ich mich nicht damit auseinander gesetzt. Folglich war mir vieles, was in der Doku zu sehen war, neu. Aber auch ein Augenöffner.

Proksch konnte andere (wichtige) Menschen mit großen Worten und spektakulären Ideen umgarnen. Gelernter Schweinehirt, Designer, Besitzer der Hochzuckerbäckerei Demel, Waffenhändler, Gründer der Vereine „der Senkrechtbegrabenen“ und CUM (Civil und Militär), Mitgründer des (SPÖ-) Clubs 45. Für seine Militärspielereien soll er vom österreichischen Bundesheer ausrangierte Flugzeuge, LKWs und Sprengstoff erhalten haben. Zum Spielen. Letztendlich wurde er im Fall Lucona wegen sechsfachen Mordes verurteilt.

Die Verklärung, mit der (ehemalige) PolitikerInnen, Lebensgefährtinnen, Medienmenschen und andere prominente WeggefährtInnen in der 2010 veröffentlichten Doku noch von Proksch reden ist erstaunlich.

Udo Proksch ist als Enfant terrible der Austro-Society und „mörderischer Hofnarr der roten Schickeria“ (rau, DER STANDARD, 13./14.4.2013) in die Chroniken der jüngeren, österreichischen Geschichte eingegangen. Eine reale Polit-Satire.

Aber er bleibt auch ein Symbol für das, was sich hinter den Kulissen abspielt: Eine Hand wäscht die andere. Zwischen Politik, Großkonzernen und Einzelpersonen fließen Millionenbeträge. Wofür genau? Daran können sich Beteiligte im Nachhinein oft nicht erinnern. Firmen lobbyieren die Grundlage ihrer Geschäftsmodelle in Gesetze hinein und weichen damit Bürgerrechte auf.

„Wer verstehen will, was dieses Land im Innersten zusammenhält, kommt um den Genuss dieses Lehrfilms nicht herum. Großes Schulfernsehen für Nachgeborene“, schreibt Ronald Pohl punktgenau im STANDARD zur ORFIII-Ausstrahlung der Proksch-Doku. Wer das Geld hat, bestimmt. Wer den Geldgebern und Entscheidern Flöhe ins Ohr setzen kann, ist mächtiger als die Spitze der Politik. Bei der nächsten Nationalratswahl im Herbst sollte man sich nicht von Parteiprogrammen blenden lassen, sondern einen Blick hinter die Kulissen werfen. Gelegenheit dazu gab es in den vergangenen Monaten genug.